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Philosophikum am Domplatz

(in: BAUKULTUR 5_2017, S. 28-29)

Der Bestandsbau des Philosophikums in Münster mit seinen drei vorspringenden Risaliten und der auch damit verbundenen Querausrichtung bildete eine schwierige und unruhige Ausgangslage für einen neuen öffentlichen Stadtraum. So haben Peter Böhm Architekten hier einen sehr schmalen Riegel vorgestellt, der in Proportion und Traufhöhe auf sein Gegenüber, das Fürstenberghaus, eingeht und so einen harmonischen und ruhigen Platz formt.

Boehm Philosophikum
Zum Platz hin erscheint der Neubau als hohe Regalwand (Visualisierung: Peter Böhm Architekten) 

Städtebau
Die schöne Lage des Planungsgebiets zwischen Domplatz und dem Grün an der Aa veranlasste die Planer, den Hof als kleinen und ruhigen Stadtplatz auszubilden, bei dem die Verflechtung der Universität mit der Altstadt besonders zum Ausdruck kommt. Großes Augenmerk wurde auf die öffentlichen Räume gelegt, wo das studentische Leben sich mit der Öffentlichkeit mischt. Der Weg vom Domplatz durch eine schmale Gasse zum Philosophikum und weiter am Theologikum vorbei bis zur Aa soll den urbanen Charakter der Uni unterstützen. Baulich gefasst wird der neue „Platz am Philosophikum“ im Norden durch den Neubau-Riegel der Bibliothek. Die rundum gleiche Traufhöhe der umstehenden Bauten und die steinerne Materialität, die in ihrer Farbe Bezug zur Umgebung aufnimmt, sorgen für Ruhe und Prägnanz.
Ein als flache Stufenrampe modellierter Bodenbelag führt hinunter zu den Eingängen des Philosophikums und des Instituts der Theologie. Unten mündet der Platz in eine querliegende Piazzetta mit dreieckigem Grundriss. Hier liegt der Zugang zum theologischen Institut. Der Querplatz verengt sich spitz in Richtung Bischofsgartenmauer, in seinem Fluchtpunkt ist eine markante Skulptur geplant. So entstehen für die Eingänge der Institute und der Studiobühne schöne Vorplatzsituationen. Der alte Zugang im denkmalgeschützten Gebäude von der Domplatz-Seite her wird als weiterer Zugang reaktiviert.

Gebäude
Der Neubau des Philosophikums bildet mit dem Altbau eine Einheit, verbunden durch eine Halle. Dieser einheitliche Charakter wird gestärkt durch die Materialien der Fassaden aus Ziegelmauerwerk, das mit einem hellen sandfarbenen Kalk-Zement-Mörtel geschlämmt wurde. Der ursprünglich orangerote Ziegel schimmert nur wenig durch diese Oberfläche hindurch und verändert dabei seine Farbe ins Gräulich-Violette. So wie außen wurden auch innen die Wände des Foyers, der Studiobühne, der Bibliothekshalle und der innen liegenden Flure behandelt. So entsteht im gesamten Gebäude der einheitliche Charakter mit einer hellen und freundlichen Atmosphäre.
Zum Platz hin zeigt sich das Gebäude mit der Bibliothek, die als Riegel eine markante Fassung dieses städtischen Raumes bildet. Ihre Fassade wird aus den Kopfenden einer hohen 4-geschossigen Regalwand gebildet, in der die Bücher untergebracht sind. Schmale horizontale Streifen aus Betonfertigteilen in Deckenhöhe gliedern die vertikalen Pfeiler aus geschlämmtem Ziegel. Dabei korrespondiert der raue sandfarben geschlämmte Ziegel sehr schön mit dem exakten scharfkantigen grauen Beton. Es entsteht eine strenge, feingliedrige Struktur, die auch in ihrer Maßstäblichkeit Bezug zur alten Bebauung in der Umgebung aufnimmt.

Boehm Philosophikum Grundriss
links: Grundriss Erdgeschoss (Visualisierung: Peter Böhm Architekten); rechts: In der Bibliothek stehen sich die Wände von Alt- und Neubau eng gegenüber (Foto: H. Schilling)

Innere Organisation
Dem hohen Foyer sind Bibliothek und Studiobühne direkt angegliedert. Hier wird die Fassade in das Innere des Gebäudes hineingeführt, teilweise mit offenen Fugen für die Akustik. In der Bibliothek stehen sich die Wände des Alt- und Neubaus eng gegenüber. Die Altbauwand ist durchbrochen durch Fenster, die die dahinter liegenden Flure mit dem Atrium verbinden. Auf der Riegelseite führen zwei lange Treppen in die Geschosse mit den Bücherregalen. In dieser Fassade sind die Brüstungen als Lesepulte aus Lärchenholz ausgebildet, die als Arbeitsplätze mit Blick in die Halle genutzt werden können. Das Lärchenholz, aus dem auch die Regale bestehen, korrespondiert sehr schön mit dem geschlämmten Ziegel und trägt somit sehr prägend zum Raumeindruck bei. Das oberste Geschoss des Neubauriegels wird zunächst mit Büros belegt, es ist jedoch geplant, sie später als Bibliothekserweiterung zu nutzen.
Im gegenüber liegenden Altbau befinden sich im 1. und 2. Obergeschoss die Seminarräume und der Hörsaal, darüber die Büros. Die klare und übersichtliche Erschließungsstruktur mit den zum Atrium belichteten Fluren und den beiden an den Kopfenden angeordneten Treppenhäusern trägt zur offenen Atmosphäre des Hauses bei.

Konzept Neu- und Umbau
Bis auf den Mittelrisalit mit dem alten Treppenhaus und dem Dach, das erneuert werden musste, ist der Bestand des Altbaus weiter genutzt worden. Während der Baumaßnahme waren jedoch umfangreiche Sicherungsvorkehrungen an der Grundsubstanz erforderlich. Die Gründung musste an zahlreichen Stellen unterstützt werden. Die Wände erbrachten ebenfalls nicht überall die notwendige Tragfähigkeit. Die Kappendecken zeigten immer wieder Risse und mussten ersetzt werden. Der alte denkmalgeschützte Teil des Altbaus erhielt eine Innendämmung, während die übrigen Teile des Altbaus von außen gedämmt werden konnten.

Nachhaltigkeit
Der kompakte Baukörper bietet eine gute Grundlage für das sehr energieeffiziente Gebäude. Das günstige Verhältnis von Außen-Oberfläche zum großem Volumen und die Speichermasse sowohl im Altbau mit den dicken Wänden als auch im Neubau mit den Betondecken und den Ziegelpfeilern tragen zu einem gleichmäßigen Klima bei. So konnte in der Bibliothek auf eine Klimaanlage verzichtet werden. Die Räume an der Südseite werden durch automatisch geregelte Fensteröffnungen natürlich belüftet. Zusätzlich sind die Betondecken mit einer Betonkerntemperierung versehen. Das Atrium wirkt als thermische Pufferzone. Zur Aufrechterhaltung der hygienischen und thermischen Behaglichkeit sind im Wesentlichen nur im Hörsaal und der Studiobühne lufttechnische Anlagen vorgesehen. Eine energetisch hocheffiziente Gebäudehülle dient dem sommerlichen Wärmeschutz und der Minimierung von Wärmeverlusten im Winter. Bodennahe Fenster und Sonnenschutz sorgen für optimale Tageslichtnutzung. Darüber hinaus notwendiger Kunstlichteinsatz wird tageslicht- und präsenzabhängig geregelt.


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