Havenwelten (2)

Bremerhaven im Strukturwandel
in: BAUKULTUR 2-2009 (S. 18-21)

Bremerhaven ist mit seinen heute ca. 117.000 Einwohnern die größte deutsche Stadt an der Nordseeküste, und seit seiner Gründung im Jahre 1827 dominierten die Wirtschaftsbranchen Hafenumschlag, Schiffbau und Fischerei. In den 1970er Jahren brach eine heftige Strukturkrise aus. Der hiesige Schiffbau auf traditionsreichen Werften sah sich einer Konkurrenz aus Japan und Korea gegenüber, die Schiffsneubauten zu Preisen unterhalb deutscher Materialkosten anboten. Anrainerstaaten des nördlichen Atlantiks dehnten ihre Wirtschaftszonen auf 200 Seemeilen aus, womit die deutsche Hochseefischerei ihre Fangquoten verlor. Die verbliebenen Fangquoten waren ein Bruchteil bisher gefangener Mengen. Schließlich gaben die US-Streitkräfte nach dem Ende des Kalten Krieges ihren Versorgungshafen mit sehr vielen zivilen Arbeitsplätzen in Bremerhaven auf. Der wirtschaftliche und soziale Zustand Bremerhavens am Ende des letzten Jahrtausends ließ Bremerhaven in allen Rankings auf hintersten Plätzen landen, nur noch von Städten aus den neuen Bundesländern unterboten.


Luftaufnahme der Havenwelten aus südlicher Sicht (Foto: BEAN)

Bausteine des Strukturwandels
In seiner zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung kann Bremerhaven an zwei gewachsenen Branchen anknüpfen: Die Hafenwirtschaft, in der auch Tausende von Arbeitsplätzen durch die gewaltigen Rationalisierungen insbesondere im Containerumschlag verloren gingen, boomt aufgrund der zunehmenden Globalisierung und der stark wachsenden asiatischen Volkswirtschaften. Bremen hat längst den Schwerpunkt seiner Hafenentwicklung nach Bremerhaven verlegt und investiert gewaltig in seine Hafenanlagen.
Auch die ehemalige Fischverarbeitung hat sich sehr positiv entwickelt. Die reichlich vorhandenen Kühlkapazitäten waren die Grundlage dafür, dass sich der Fischereihafen zu einem Zentrum für die allgemeine Lebensmittelverarbeitung entwickeln konnte. In diesem Areal arbeiten heute genauso viele Menschen wie in den besten Zeiten der Fischerei.

Drei Schwerpunkte
Als neue Schwerpunkte wirtschaftlicher Entwicklungen sollen der Tourismus, die maritime Forschung bzw. Technologie und die Offshore-Windenergie hinzu kommen.

Tourismus Obwohl Bremerhaven mit dem Zoo am Meer und mit dem Deutschen Schiffahrtsmuseum bereits zwei recht erfolgreiche Touristenattraktionen hatte, kam das touristische Schlüsselerlebnis der Stadt mit der Großveranstaltung Sail 1986. Die Großsegler zogen an einem verlängerten Wochenende 2 Mio. Besucher an. Bremerhaven spürte, dass ein maritim ausgerichteter Tourismus ein neues wirtschaftliches Standbein werden könnte.

Forschung Der zweite Schwerpunkt des Strukturwandels ist der konsequente Ausbau der maritimen Forschung bzw. Entwicklung. Die wissenschaftlichen Kristallisationskerne sind das Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung, eine Großforschungseinrichtung des Bundes und die Hochschule Bremerhaven, deren Studiengänge auf die maritime Wirtschaft der Stadt ausgerichtet sind. 2005 war Bremerhaven zusammen mit Bremen Stadt der Wissenschaft, ein großer Erfolg für die neue wissenschaftliche Ausrichtung der Stadt.

Offshore-Windenergie Auch der dritte Schwerpunkt des angestrebten Strukturwandels hat einen maritimen Bezug. Bremerhaven will Zentrum für die Entwicklung, Produktion, Montage und Wartung von Offshore-Windenergieanlagen werden.

Entwicklungsschwerpunkt Innenstadt
Während in anderen Städten die Entwicklungsschwerpunkte oftmals außerhalb der Innenstädte liegen, setzt Bremerhaven seinen Investitionsschwerpunkt eindeutig in die Innenstadt. Hierfür gibt es folgende Gründe:
Die beiden ältesten und innenstadtnahen Häfen, der Alte und der Neue Hafen hatten seit dem zweiten Weltkrieg praktisch nur noch eine untergeordnete hafengewerbliche Bedeutung. Das Umschlagsgeschehen verlagerte sich in die neueren Hafenanlagen, in denen wesentlich größere Schiffe abgefertigt werden können. Das Areal um den Alten und den Neuen Hafen verkam zusehends zu einer Hafenbrache bzw. zu einem provisorischen Parkplatz. Gleichzeitig war jedem das enorme Entwicklungspotenzial der Flächen zwischen der Innenstadt und der Weser bewusst.
Maritim touristisch orientierte Projekte am Weserufer sind nur im Bereich der Innenstadt möglich, weil sich im Norden der stadtbremische Überseehafen und im Süden der in bremischen Besitz befindliche Fischereihafen mit jeweils hafengewerblichen Nutzungen anschließen.
Die negative wirtschaftliche Entwicklung war auch am innerstädtischen Einzelhandel nicht vorbei gegangen. Die in den 1970er Jahren eingerichtete Fußgängerzone war in die Jahre gekommen. Viele leerstehende Geschäfte signalisierten, dass die Bremerhavener Innenstadt als oberzentraler Einkaufsstandort starke Einbußen hat hinnehmen müssen.
Mit den innerstädtischen Standortentscheidungen für die Hochschule Bremerhaven und für das Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung waren die Weichen gestellt für die Ansiedlung von weiteren Instituten und Gründerzentren im Bereich der Innenstadt.

Bremerhaven wächst am Meer
Nach dem Scheitern einer Projektentwicklung für den Bereich Alter/Neuer Hafen (heute Havenwelten) unter der Federführung der Wiesbadener Köllmann AG wagte die Stadt Bremerhaven im Jahr 2000 mit einem Beschluss über einen vom Stadtplanungsamt erarbeiteten Rahmenplan einen Neuanfang in eigener Regie. Das Projekt wurde aufgelöst in verschiedene in sich investitionsfähige Module, für die Investitions- und Betreiberinteressenten gesucht und in der Region gefunden wurden.
In der Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlichen Projektbeteiligten wurden verschiedene Wege gegangen. Die klassische Arbeitsteilung zwischen öffentlicher Hand für Infrastruktur und Privaten für privat betriebene Vorhaben wurde ergänzt z. B. dadurch, dass Klimahaus 8° Ost und Deutsches Auswandererhaus zwar öffentliche Investitionen sind, diese Einrichtungen jedoch privatwirtschaftlich betrieben werden. So ist das Deutsche Auswandererhaus z. Zt. das einzige privat betriebene Museum in Europa.
Die Gebäudearchitekturen wurden über Architektenwettbewerbe, VOF-Verfahren, bei privaten Investoren z. T. auch über Direktbeauftragungen entwickelt. Für den größten Teil des Plangebietes am Alten und Neuen Hafen wurde ein Bebauungsplan aufgestellt. Die städtische Bauherrenfunktion trägt die Bremerhavener Entwicklungsgesellschaft Alter/Neuer Hafen mbH & Co. KG (BEAN). Mit der Projektsteuerung der Infrastrukturmaßnahmen ist die Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung (BIS) beauftragt. Die Koordinationsaufgaben liegen bei der Wirtschafts- und bei der Bauverwaltung der Stadt Bremerhaven.
Eine attraktive City ist wiederum Voraussetzung für die Akzeptanz und Glaubwürdigkeit der eingeleiteten Tourismusprojekte im Entwicklungsareal Alter/Neuer Hafen. Beide Maßnahmenpakete, die öffentlich finanzierte Aufwertung der Fußgängerzone Bürgermeister-Smidt-Straße sowie die infrastrukturelle Aufbereitung des Entwicklungsgebietes Alter/Neuer Hafen, bilden im Ergebnis das neue zukunftsorientierte Bild von Bremerhaven und stärken somit zentral den Wirtschafts-, Tourismus- und Einzelhandelsstandort Bremerhaven.
Vorausgegangen waren knapp 18 Monate Bauzeit, bei der die 900 Meter lange Fußgängerzone einschließlich Nebenstraßen und angrenzenden Plätzen mit einer komplett neuen Infrastruktur ausgestattet wurde.
Ca. 65 Mio. Euro wurden durch das Land Bremen und die Stadt Bremerhaven in ein vielfältiges Maßnahmenbündel investiert allein für die Fußgängerzone. Finanzierung, Planung, Bau und Projektsteuerung lagen im Auftrage der Seestadt Bremerhaven in Händen der BIS Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung mbH.
Inklusive Neubau des Zoos am Meer (Fertigstellung im Jahr 2004) wurden im Entwicklungsgebiet Havenwelten zusätzlich ca. 350 Mio. Euro seitens des Landes Bremen als auch der Stadt Bremerhaven im Verhältnis 2/3 : 1/3 investiert.

Die neue Infrastruktur der Havenwelten
Das Entwicklungsgebiet „Alter und Neuer Hafen" ist das größte stadtentwicklungspolitische Vorhaben in Bremerhaven.
Landgebiet: 38,5 ha
Landflächen: 25,8 ha
Wasserflächen: 12,7 ha
Ausdehnung Ost-West: ca. 300 m, Nord-Süd: ca. 1.800 m


Neue Havenbrücke (Foto: BEAN)

Havenpassage & Havenbrücke Die neue Verbindung zwischen City und Hafen besteht aus einer 100 Meter langen und bis zu 6,5 Meter breiten Glasröhrenbrücke. Diese Passage schafft eine direkte Verbindung von der Shopping Mall Columbus Center und der Fußgängerzone in der Bürgermeister-Smidt-Straße zur Plaza zwischen dem Klimahaus 8° Ost und dem Mediterraneo im Zentrum der Havenwelten. Die über Jahrzehnte gewachsene Einzelhandelsstruktur der City wird so an das neue touristische Kernareal am Alten Hafen angebunden.

Freiraumgestaltung
Der qualitativ hochwertig gestaltete öffentliche Raum mit den unterschiedlichen Angeboten von Plätzen, Kajen, Promenaden und einem beeindruckenden Beleuchtungskonzept stellt für die unterschiedlichsten Bauprojekte den verbindenden Rahmen.

„International Architecture Award" Das „Chicago Athenaeum" gehört als Museum für Architektur und Design zu den prominentesten Veranstaltern von internationalen Architektur-Wettbewerben und stellt mit seinen jährlichen Entscheidungen ein Barometer richtungsweisender Architektur dar. Einige hundert Bewerbungen aus allen Teilen der Welt lagen der hochkarätigen Jury in New York vor. Sie hat in jedem Jahr die Qual der Wahl, für den „International Architecture Award" die besten auszusuchen.
Latz & Partner aus Ampertshausen bei München - seit sechs Jahren in Bremerhaven aktiv - hat mit seiner Gestaltung der Freiflächen rund um den Alten und Neuen Hafen in New York überzeugt. Wieder hergestellte Kajen, ein Teppich aus verschiedenen Pflasterarten und Bodenbelägen, extra für Bremerhaven designte Bänke, Radbügel, Lichtmasten oder Papierkörbe, die Brücke über das alte Lloyddock. Das alles im Zusammenhang und ohne Kompromisse in Wegeführungen, Grünbereiche und Anpflanzungen eingebettet überzeugte die Jury, die das Gesamtwerk der Bayern auch im Zusammenhang mit dem begeisternden Lichtkonzept von Gerd Pfarre bewertet hat.

Kajensanierung Die Kajen im Alten/Neuen Hafen sind ein besonderes Element des historischen Bremerhaven. Behutsam mit großem Aufwand und großem Respekt wurden die Kajen saniert für die maritimen Nutzungen der Zukunft.

Beleuchtung Die historischen Bauten im Bereich Alter/Neuer Hafen werden durch ein differenziertes Konzept für die Lichtgestaltung dezent aber wirkungsvoll hervorgehoben. Hierzu zählen das Seeamt, die historischen Klappbrücken sowie der Simon Loschen Leuchtturm.
Nach der Auszeichnung mit dem weltweit berühmten IIDA International Illumination Design Award of Merit in New York hat die Lichtinszenierung für das neue Tourismusressort Havenwelten jetzt auch beim internationalen Wettbewerb um den city.people.light award 2007 überzeugt. Gemeinsam mit 22 anderen weltweiten Städten erhielt Bremerhaven einen Preis und befindet sich in guter Gesellschaft mit Brüssel, Genf, Glasgow, Indianapolis, Istanbul, Madrid oder Rom. Die Jury lobte vor allem, dass durch eine Lichtinszenierung die typischen Charakteristiken eines industriellen Hafenbereichs hervorgehoben werden. Der Preis wird in jedem Jahr von Philips und LUCI gestiftet. LUCI (Lighting Urban Community International) ist ein in Lyon ansässiger Zusammenschluss von 60 Städten, der Lichtinszenierungen in Städten fördert.

Schleuse am Neuen Hafen Durch die neue Schleuse ist der Neue Hafen für Sportboote, Yachten und Museumsschiffe mit Längen bis 60 Metern und bis 14 Metern Breite problemlos erreichbar. Das Areal ist durch diese technische Attraktion und den angrenzenden Schleusengarten zu einem vitalen maritimen Zentrum geworden.

Lloyd-Brücke Eine elegante Holzbrücke über die ehemalige Einfahrt zum Lloyddock verbindet mit ihrer Spannweite von ca. 23,5 Metern die beiden historisch restaurierten Einfahrtsköpfe und ermöglicht so eine kontinuierliche Begehbarkeit der Westkaje.


Flowbänke auf den Lloyd Platz (Foto: BEAN)

Lloyd Platz Auf einer Fläche von ca. 1.500 Quadratmetern wurde ein um 18 Zentimeter erhöhtes Holzdeck für kleinere Veranstaltungen und Events in der Mitte des Platzes gebaut. Neue komfortable Sitzqualität bieten die 20 Meter langen „Flowbänke".

Lloyddock Wo einst die Auswandererschiffe und Dampfer des Norddeutschen Lloyd repariert wurden, befindet sich die neu angelegte öffentliche Grünanlage. Die alte Dockeinfahrt wurde baulich sichtbar gemacht und der ehemalige Torbereich des alten Doppeldocks auf das Niveau des Wasserstands im Hafen abgesenkt.

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