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Fassaden mit Textilbespannung

(in: BAUKULTUR 4_2018, S. 19-21)

Die drei nachfolgenden, sehr unterschiedlichen Beispiele von Anwendungen von technischen Textilien als permanente und temporäre Wetterhaut zeigen die vielseitigen Möglichkeiten und Eigenheiten von einlagigen Bespannungen auf. Beleuchtet das erste Projekt eine auf Kostenoptimierung ausgelegte Lösung mit ebenen Flächen, wird beim zweiten Vorhaben der textilen Bespannung durch die räumliche Krümmung auf materialgerechte Weise mehr Stabilität bei einer vergleichbaren Vorspannung verliehen, um den Windkräften entgegenzuwirken. Das dritte Beispiel hingegen steigert die Komplexität durch die kleinteilige Ausführung und die Anforderungen an die extreme gegensinnige Krümmung.

Glockenturm mit Textilfassade

Bauherr: Theodor Fliedner Stiftung , Mülheim an der Ruhr
Architekt: gunvor architekten, Mülheim an der Ruhr
Membranbau: EPS Systems GmbH & Co. KG, Siegen

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Um dem Glockenturm eine transluzente Anmutung zu verleihen, wurde er mit einem weißen, offenmaschigen Gewebe umspannt (Foto: Dr. Lars Meeß-Olsohn, TEXTILE-ARCHITEKTUR)

Vor 18 Jahren in schwingungsdämpfender Holzfachwerk-Bauweise errichtet, beherbergt der Glockenturm der sozialen Einrichtung Fliedner Dorf in Mülheim an der Ruhr im oberen Teil das historische Geläut einer abgerissenen Kirche. Der 25 m hohe, frei stehende Turm sollte auf Wunsch des Architekten Gunvar Blanck eine transluzente Anmutung aufweisen, und somit fiel die Entscheidung auf ein weißes, offenmaschiges Gewebe. Die Bespannung der 4 Seiten ist ausschließlich an den umlaufenden Kanten mit einem filigranen Spannprofil geklemmt, welches im Abstand von etwa 10 cm zur der Holzkonstruktion befestigt wurde und die Möglichkeit zum Nachspannen bietet. Je nach Einfall des Sonnenlichtes und beim Umrunden des kubischen Baukörpers verändert der Solitär sein Erscheinungsbild; die Reflexion bei Auflicht weicht sukzessive einem Spiel der Schatten der Unterkonstruktion bis hin zu einer annähernden Durchsicht im Gegenlicht, deren Klarheit sich als Resultat der inneren Beleuchtung in den Abendstunden noch steigern lässt.

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Die Membrane ist licht- und luftdurchlässig und schützt die Holzkonstruktion vor Schlagregen (Fotos: Dr. Lars Meeß-Olsohn, TEXTILE-ARCHITEKTUR)

Bereits in der Planungsphase stellte sich ein weiterer Vorteil in der textilen Ausgestaltung heraus, denn die Erneuerung eines alternativen Anstriches in der Zukunft durch einen Maler würde durch die notwendige Komplett-Einrüstung des Turmes teurer ausfallen als ein Austausch der 4 gleichen Gewebebahnen. Wie bereits vor zwei Jahren geschehen, seilten sich Fassadenkletterer von oben ab und zogen neue Gewebebahnen aus PVC-beschichtetem Polyester-Gewebe von Low & Bonar ein. Allerdings zeigt sich nach und nach ein unerwarteter Aspekt in der Langzeitbetrachtung im oberen Bereich des Turmes. Die Schallöffnungen als vertikale Ausschnitte in der Holzverschalung lassen den Klang der Glocken gezielt austreten, und hier kommt es zu einem erhöhten Luftaustausch. Als Resultat bleiben hier (Fein-)stäube aus der Luft verstärkt in den Maschen des Gewebes hängen, und dunklere, rechteckige Flächen zeichnen sich auf dem Textil nach; eine Art „Filterwirkung“ ist festzustellen.

Hinterleuchteter Wärmespeicher

Bauherr: EVI Energieversorgung Hildesheim GmbH & Co. KG
Architekten: pape + pape architekten, Kassel
Lichtplanung: SSP Schmitz Schiminski Partner GbR, Hildesheim
Membranbau: Koch Membranen GmbH, Rimsting

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Die Außenhülle des Wärmespeichers besteht aus der vertikalen Abfolge verschiedener offenmaschiger Gewebe (Foto: © Schmitz Schiminski Partner GbR; Koch Membranen GmbH)

Im Rahmen einer modernisierten Nahwärmeversorgung in einem Hildesheimer Wohnquartier wurde 2017 in der Nähe eines Blockheizkraftwerkes ein Wasserspeicher mit energetischer Pufferfunktion aufgestellt. Dessen eigentlicher, zylindrischer Baukörper mit annähernd 18 m Höhe erhielt eine geschwungene Strahlkonstruktion, über die eine 370 m² große Membrane gespannt wurde. Ursprünglich in Lochblech und mit unterschiedlichen Lochgrößen vorgesehen, wandelte sich das Konzept der Außenhülle in eine vertikale Abfolge von verschiedenen offenmaschigen Geweben. Die abgerundeten Ecken des Entwurfes wurden beibehalten, und mit der materialtypischen Taillierung der einzelnen Tuchflächen zwischen den Ebenen sowie durch deren unterschiedliche, lichttechnische Spezifikationen erfuhr die Gestalt des Turmes eine stärkere, plastische Modellierung. Im Sockelbereich wurde auf eine Textilbespannung verzichtet, zumal ein baulicher Schutz vor Vandalismus selbst auf abgeschlossenen Grundstücken bis ca. 3 m Höhe oftmals unabdingbar ist.

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Durch die farbige Illumination am Abend wechselt der Wasserspeicher scheinbar seine Materialität (Foto: © Schmitz Schiminski Partner GbR; Koch Membranen GmbH)

Die wellenförmige Ausbildung nimmt im übertragenen Sinne Bezug auf die thermisch bewegten Wasserschichten im Inneren; darüber hinaus zeichnet eine dynamische Lichtsteuerung nachts mit verschiedenfarbigem Licht im Zwischenraum zum Wärmespeicher den Füllstand nach. Da Gewebe mit unterschiedlichen Lochanteilen zum Einsatz kommen sollten, wurden insbesondere im Vorfeld Versuche mit dem Konfektionär gemacht, um die zudem geschwungenen Nahtstellen der Gewebe zuverlässig und dauerhaft zu verbinden. Dadurch konnte die leichte Gebäudehülle für die 6 Etagen in einem Stück, sozusagen als Husse, hergestellt und über die filigrane Stahlkonstruktion gespannt werden.

„Eye-Beacon“ für das Amsterdam Light-Festival

Architekt: UNStudio, Amsterdam, in Kooperation mit MDT-tex, Hardheim
Projektrealisierung: MDT Ges. f. Sonnenschutzsysteme mbH, Hardheim

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Der Informationsstand „Eye-Beacon“ zeigt gerade auch in Kombination mit Licht die schier unbegrenzte Vielfalt der textilen Architektur (Foto: Janus Van Den Eijnden)

Der Informationsstand für die Besucher des Amsterdamer Lichtfestivals 2016/2017 wurde als dynamische Lichtskulptur entworfen. „Eye-Beacon“ ist eine selbsttragende Struktur mit mehr als 300 einzigartigen Modulen, die aus pulverbeschichteten Aluminiumprofilen und Eckelementen aus Edelstahl hergestellt wurde. Ein Standardcontainer konnte so um eine attraktive Struktur ergänzt werden, die – im Prinzip als offenes Gerüst konstruiert – zwei gegeneinander verdrehten Würfeln entsprachen. Die Metallrahmen wurden mit Textil bespannt und erforderten jeweils eine individuelle Formfindung, da die Flächen eine morphologische Transformation erzeugen. Alle Flächen des Pavillons wurden aus dehnbaren Textilmodulen aufgebaut, die zusammen ein Muster von Öffnungen generierten und Einblicke in den Innenraum vermittelten.

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Fokussierte LED-Projektionen stellten gradielle Farbveränderungen an der Innenseite der Zugstruktur dar, was zu einer
sich ständig verändernden Zusammensetzung von Licht und Farbe führte (Foto: Janus Van Den Eijnden)

Nur der komplett parametrisierte Entwurfs-, Produktions- und Montageablauf machte diesen Bau im Kosten- und Zeitrahmen möglich, alle maßgeschneiderten Module wurden im Werk vorproduziert und anschließend in Amsterdam montiert. Der temporäre Pavillon wurde als Forschungsprojekt gebaut – als Demonstrationsobjekt, das die wünschenswerten Eigenschaften von textil umhüllter Architektur auslotet: die sichtbare Leichtigkeit und die Formenvielfalt. Der zunehmenden Komplexität heutiger Gestaltungsansätze mit ihrem Wunsch zur geometrischen Transformation kann durch geeignete Planungstools, die den parametrischen Planungsprozess unterstützen, begegnet und effizient umgesetzt werden.


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