BAUKULTUR 4_2019: Editorial

Christian Awe
(in: BAUKULTUR 4_2019, S. 3)

Liebe Leserinnen und Leser,

in Zeiten polarisierender Haltungen und der daraus entstehenden sozialpolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen ist Kultur der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält – losgelöst von Alter, Geschlecht und Herkunft. Deshalb darf Kunst meines Erachtens nach nicht nur elitär wahrgenommen und in Museen, Galerien oder virtuell auf Online-Plattformen gezeigt werden. Mich selbst sehe ich als eine Art künstlerischer Alchemist, der die Grenzen der Malerei immer wieder neu auslotet und nach neuen Wegen sucht.

Für Kultur eignet sich der öffentliche Raum besonders gut, denn er steht im Mittelpunkt des täglichen Lebens. Mir geht es um Demokratisierung von Kunst, deshalb bringe ich meine bis zu 500 m² großen Wandbilder an die Haustür der Menschen. So wie gute Architektur das Leben positiv beeinflusst, ohne sich aufzudrängen, so sollte auch Kunst im öffentlichen Raum das Leben bereichern und mehr Kommunikation bewirken. Damit übernimmt Kunst eine identitätsstiftende Aufgabe; Kunst wird erlebbar und führt zu neuen Erfahrungen. Dabei ist mir Authentizität wichtig, das Verständnis für die DNA eines Ortes, um den richtigen Inhalt und Ausdruck für ein Wandbild zu finden.

Awe Lichtenberg

Am Beispiel meines Werkes Lichtenberg in Berlin aus dem Jahr 2012 sieht man, wie durch Kunst und Kultur eine Gegend in ein neues Licht gerückt werden kann. Mein Kiez, Lichtenberg, hat sich in den letzten Jahren zu einem Familienbezirk und Kreativstandort entwickelt. Davor war er besonders geprägt durch DDR-Führung und Staatssicherheit, und in der Nachwendezeit kam es zu zahlreichen rechtsextremen Situationen. Mir war es sehr wichtig, genau dort einen Kontrapunkt zu setzen. Betrachtet man das Werk Lichtenberg gegenüber der ehemaligen Stasi-Zentrale genauer, dann ist das Grundgefühl für Freiheit, für Lebensfreude und für den Neubeginn der Kreativität in dieser Stadt spürbar.

Awe Adanze

Das Bild Adanzé in Berlin-Schöneberg wiederum entstand als Ergebnis meiner Reisen nach Afrika. Adanzé bedeutet in verschiedenen westafrikanischen Sprachen „ein herzliches Willkommen“ und ist inspiriert von den Rhythmen, Mustern der Kleidungsstücke, den Formen und Farben und wirkt wie ein Blumenstrauß, wie ein Willkommensgruß. Konzipiert 2014, zu Beginn der großen Flüchtlingswelle, resultierte aus dem Wandbild ein Schul- und Krankenhausbau in Burkina Faso.

Awe Begegnung

Meine Kunst soll zum Nachdenken und Reflektieren anregen. Ein Beispiel hierfür ist meine Arbeit Begegnung in unmittelbarer Nähe des Holocaust Mahnmals in Berlin Mitte, die ich 2016 als Zeichen der Völkerverständigung im Rahmen der aktuellen Flüchtlingsthematik schuf. Am Holocaust Mahnmal werden tausende Fotos gemacht. Die Reaktionen der Besucher spiegelten ihre verschiedenen Kulturen und individuellen Erfahrungen wider. Egal, wo auf der Welt, es ist faszinierend, wenn Menschen Kunst in ihrem unmittelbaren Lebensraum erleben. Plötzlich sind sie ihr ausgesetzt, denken nach, machen mit. Das ist spannend und inspirierend und motiviert mich als Künstler immer wieder aufs Neue.

Mit kreativen Grüßen,
Ihr
Christian Awe
Künstler

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