BAUKULTUR 4_2020: Editorial

(in: BAUKULTUR 4_2020, S. 3)

Liebe Leserinnen und Leser,
verehrte Freunde der Baukultur,

vor über drei Monaten haben wir uns auf Empfehlung von Fachleuten und später auf der Grundlage von Verordnungen aus dem öffentlichen Raum zurückgezogen. Das gesellschaftliche Leben hat sich aus der realen Welt in die virtuelle Welt verlagert. Die Städte waren menschenleer, die Grenzen geschlossen, die Kontakte auf ein Minimum beschränkt. Für die meisten Menschen war dies ein fundamentaler und dramatischer Einschnitt.

Rückzug aus dem öffentlichen Raum
Rückzugsorte sind seitdem die privaten Wohnungen. Allein oder mit Familie verdichtet sich das tägliche Leben um den Küchentisch. Kinder lernen von zu Hause, nehmen an Videokonferenzen teil, laden ihre Hausaufgaben „im Netz“ hoch. Eltern bringen ihre Arbeit mit nach Hause, wenn sie können oder müssen. Das vom Finanzamt in Frage gestellte Arbeitszimmer rettet als „homeoffice“ die deutsche Wirtschaft. Besonders beachtet werden auch diejenigen, denen „systemrelevant“ ein Rückzug ins Private verwehrt ist. Wir haben zu Recht Ärzten, Pflegern, Busfahrern, Polizisten und Verkäufern applaudiert und unsere Wertschätzung auch über den Zeitraum der Krise hinaus angekündigt. Der erzwungene Perspektivwechsel hat viel Gesprächsstoff erzeugt: Mancher wurde zum Hobbyvirologen, Lehrer auf Zeit, Digitalisierungsexperten, Individualsportler oder Gartentherapeuten. Baumärkte wurden systemrelevant und volle Keller auf Deponien entsorgt. Hefe, Roggenmehl und Haarschneidemaschinen waren schnell ausverkauft. Offenbar reagieren die Menschen doch sehr ähnlich in der Krise. Tatsächlich gibt es ein hohes Maß an Solidarität in der Gesellschaft, in der Sorge füreinander und in der Regel auch beim (Er-)tragen der Masken (als es sie wieder gab).

Wiederentdeckung des öffentlichen Raumes
Der konsequente Rückzug aus dem öffentlichen Raum hat dazu geführt, dass die Reproduktionszahlen dauerhaft gesunken sind und die Katastrophe für die Mehrheit abgewendet wurde. Wir haben dadurch eigene Strategien entwickeln müssen, um unser soziales Leben zu erhalten. Wir haben unsere Umgebung zum Teil neu entdeckt: Räume frei von Tourismus und Kommerz neu gesehen, der Himmel kam uns auf einmal blauer vor, die Städte leiser. In diesem Sommer werden wir wohl die deutschen Urlaubsregionen kennenlernen, die eigene Stadt oder Region genießen. Wir alle merken, dass die Teilhabe am sozialen Leben in der Gemeinschaft die vielleicht wichtigste Bedeutung in unserem Leben hat. Die Kommunikation ist wichtig, sie braucht Nähe, Blickkontakt, gemeinsames Erleben. Genau deshalb reagieren wir auf die erzwungene Isolation mit Anspannung und Kritik. Manche wittern sogar Verschwörungen. Allen wird die Wiederentdeckung des öffentlichen Raumes – auch nach nur drei Monaten – neue Perspektiven ermöglichen.

Neue Perspektiven
Die von Christiane Thalgott so zitierte „gezähmte städtische Mobilität“ beschreibt einen Zustand, in dem der Rückzug in das Private den Individualverkehr stark reduziert, Fahrradspuren über Nacht entstehen, und der gewonnene öffentliche Raum nun sorgsam mit geänderten Verkehrskonzepten behandelt wird. Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln werden wir aber wohl erst nach der Epidemie wieder „in vollen Zügen“ propagieren können. Wer konnte und auch musste zog sich während der Krise in seine Einfamilienhaussiedlung zurück oder zog gar ins Umland in das kleine Ferienhaus. Das ist natürlich nicht das Signal für einen zukünftigen Städtebau. Ganz im Gegenteil müssen wir die gemischt genutzten Quartiere stärken, mit neuen Konzepten für Verkehr, großzügigen Begegnungsräumen, Ansprüchen an genügend Licht, saubere Luft und relative Ruhe unsere Räume gestalten. Veränderungen des Städtebaus hatten immer auch infrastrukturelle Auslöser, die in der Neugestaltung von Dichte auch hygienischen Notwendigkeiten folgten. James Hobrecht erdachte 1858 die Infrastruktur für Wasser und Abwasser für mehr als eine halbe Million Berliner Bürger und gab der Stadt ein Entwicklungskonzept. Das Bauhaus lehrte die Gestaltung von Städten und Wohnungen und deren Ausgestaltung auch nach hygienischen Erkenntnissen. Es ist nicht Falsches daran, die derzeitige Krise als Anstoß für Veränderungen zu nehmen. Übergeordnete Handlungsräume sind dabei die Stärkung des öffentlichen Raumes, die Zähmung des Verkehrs, die Besinnung auf nachhaltiges Handeln zur Erreichung der Klimaziele. Hinzu kommt die Entwicklung der digitalen Infrastruktur, die Verteilung und Bewertung von Arbeit und die Organisation von Teilhabe für die ganze Gesellschaft. Wenn die beeindruckenden Fördermittel, die wir gemeinsam aufbringen müssen, hier investiert werden, sind sie gut angelegt. Denn: Räume prägen Menschen – Menschen prägen Räume.

Herzlichst Ihr
Dipl.-Ing. Arnold Ernst
DAI Präsident

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