Ganz schön schräg

Musikakademie in Camerino
(in: BAUKULTUR 4_2021, S. 22-23)

Im Jahr 2016 hatte ein schweres Erdbeben viele Städte in Mittelitalien schwer beschädigt. Auch die Musikakademie der Universitätsstadt Camerino war der Naturkatastrophe zum Opfer gefallen. In nur 150 Arbeitstagen ist nun eine von Alvisi Kirimoto Architects entwickelte neue Akademie errichtet worden. Initiiert wurde das Projekt von Harcome-Studio in Zusammenarbeit mit der Andrea-Bocelli-Stiftung und dem Ingenieur Paolo Bianchi.

Alvisi Kirimoto 1

Der zweigeschossige Neubau befindet sich am Rande eines Wohngebiets, das etwas unterhalb der Altstadt von Camerino liegt. Über einen kleinen Vorplatz mit flachen Treppenstufen und Stützmauern aus Sichtbeton gelangen Schüler, Mitarbeiter und Gäste direkt zum Auditorium im Erdgeschoss des insgesamt 600 m² Fläche bietenden Gebäudes.

Metallpaneele wie Wolken
Das Obergeschoss ist mit perforierten weißen Metallpaneelen umhüllt, wobei die leichte Neigung der Fassade auf die hangartige Umgebung verweist. Von weitem verwandeln die unterschiedlich großen Perforierungen die Außenhaut optisch in ein Abbild der vorbeiziehenden – mal dichten, mal dünnen – Wolkenfelder, sodass das Gebäude im Kontext mit dem Himmel verschwimmt. Aus der Nähe präsentiert sich die Nordfassade als große „Kiste“. Hier hängen die Paneele deutlich über dem Boden. Die beiden Seitenansichten zeichnen die Neigung des Geländes nach. Im Süden ist die Metallhülle unterbrochen: Hier ist das Erdgeschoss verglast, sodass die Gäste aus dem Auditorium freien Blick auf das historische Zentrum von Camerino haben.

Alvisi Kirimoto 4

Achtung Aufnahme
Im Obergeschoss reihen sich ein Büro und die Unterrichtsräume aneinander, die durch die Metallfassade hindurch optimale Ausblicke in den Himmel erlauben. Die einzelnen Räume sind zwischen 14 und mehr als 22 m² groß. Die beiden größten Räume sind als Aufnahmestudios ausgebaut und entsprechend eingerichtet. Spezielle mikroperforierte Holzpaneele an den Wänden optimieren ihre Akustik. Insgesamt bietet die Musikakademie Platz für rund 160 Schüler, die hier täglich unterrichtet werden.

Alvisi Kirimoto 3

Holz, Beton und viel Orange
Das Auditorium ist durch das Zusammenspiel verschiedener Materialien geprägt. Eichenholz dient als Material für die Bühne und für die Wand- und Deckenpaneele in verschiedenen Formen. Beton definiert die Hauptflächen. Am Boden ist Steinzeug verlegt. Die vollständig transparente Rückwand verbindet das Auditorium direkt mit dem Foyer und erweitert die Raumwahrnehmung. Eine orangefarbene Treppe verbindet die beiden Geschosse, wobei sich dieser Farbton auch im Obergeschoss fortsetzt: Der Boden des Verteilerflurs, die Zugangstüren zu den Unterrichtsräumen und auch eine Wand sind in einem kräftigen Orangeton gehalten. In den Unterrichtsräumen laden Holztafeln die Schüler ein, sie mit Partituren oder Musikkompositionen zu personalisieren und so jedem Raum Individualität zu verleihen.

Übergeordnetes Ziel
Der Neubau von Alvisi Kirimoto ist das ganze Jahr über geöffnet und wird von der Gemeinde nicht nur zur Unterrichtszwecken genutzt, sondern steht auch für Konferenzen, Veranstaltungen, Studienaktivitäten und Workshops zur Verfügung. So präsentiert sich die Akademie als lehrreiche und innovative Musikschmiede mit dem übergeordneten Ziel, Camerino auch jenseits seiner Stadtgrenzen eine bedeutende Rolle zu verleihen.

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