Großer DAI Preis für Baukultur 2020/2021

Interview mit Brigitte und Prof. Ernst Ulrich Scheffler
(in: BAUKULTUR 5_2021, S. 14-15)

Bereits im letzten Jahr ist das Architektenehepaar Brigitte und Prof. Ernst Ulrich Scheffler für den Großen DAI Preis für Baukultur nominiert worden. Da jedoch der DAI Tag 2020 infolge der Coronapandemie auf das Jahr 2021 verschoben werden musste, wird auch die Preisverleihung erst in diesem Jahr stattfinden. Der Preis ist eine Auszeichnung für das Lebenswerk der beiden Architekten, die seit fast einem halben Jahrhundert gemeinsam planen und bauen. In einem Interview haben Sie uns einen Einblick gegeben.

Scheffler Ehepaar

Sie haben beide an der Technischen Hochschule in Karlsruhe Ihr Studium absolviert und beide an der Architectural Association School of Architecture in London ein Postgraduiertenstudium angeschlossen. Was haben Sie im Ausland für Ihr späteres Berufsleben gelernt? Inwieweit hat das Auslandsstudium Sie inspiriert?

Ernst Ulrich Scheffler Es ist immer gut, den Studienort zu wechseln und andere Meinungen zu hören. Karlsruhe war sehr technisch ausgerichtet. In London ging es auch um gesellschaftliche Aspekte unseres Berufs. Unsere Lehrer waren Ron Herron und Dennis Crompton, Mitglieder der Gruppe Archigram. Durch sie haben wir einen ganz neuen Zugang zur Architektur gefunden.

Brigitte Scheffler Wichtig ist auch, dass mit der neuen Sprache ganz neue Themen in den Fokus rückten. Die Internationalität an der Schule hat den Blick geweitet und die Aufnahmebereitschaft erhöht. Es wurden auch Freundschaften geschlossen, die bis heute bestehen.

Herr Scheffler, Sie waren später selbst in der Lehre tätig. Welche Empfehlungen würden Sie heutigen Studierenden mit auf den Weg geben?

Ernst Ulrich Scheffler Die Studierenden sollten offen sein für alles, was neben der Architektur am Wege liegt – für technische Entwicklungen ebenso wie für gesellschaftliche Veränderungen. Sie sollten auch viel reisen und sich für Soziologie sowie für Kunst- und Baugeschichte interessieren.

Sie erwähnten, dass Sie sich bereits zu Studienzeiten kennengelernt haben und dass Ihre Zeichentische seitdem unverrückbar gegenüberstehen. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit aus? Gibt es eine Aufgabenteilung? Diskutieren Sie kontrovers oder sind Sie sich eher schnell einig?

Ernst Ulrich Scheffler Ich zeichne viel und versuche zuerst über Bilder eine Lösung für anstehende Aufgaben zu finden. Die Skizzen diskutieren wir immer zusammen und entscheiden dann, welche Ansätze erfolgversprechend sind und weiterverfolgt werden sollen. Diese Arbeitsteilung hat sich bewährt.

Brigitte Scheffler Mein Zugang zum Entwerfen ist rationaler. Wichtig ist uns immer die Frage der Angemessenheit. In unserer Grundeinstellung zur Architektur haben wir jedoch keine großen Differenzen.

In Ihrer Familie scheint Architektur in den Genen zu liegen. Frau Scheffler, Ihr Vater war Leiter des Planungsamtes in Karlsruhe. Und Ihre Tochter Eva Menges ist später in Ihre Fußstapfen getreten; mit dem Studium in London und mit dem Einstieg gemeinsam mit ihrem Mann Achim Menges in Ihr Büro, das nun unter dem Namen Menges Scheffler Architekten firmiert. Wie beurteilen Sie diese enge Verbindung zwischen Beruflichem und Privatem?

Brigitte Scheffler Das Verhältnis zu unserer Tochter war immer unkompliziert. Wir haben nie versucht, die Berufswahl in eine bestimmte Richtung zu lenken. Als sie nach dem Abitur sagte, Architektur studieren zu wollen, haben wir uns natürlich gefreut. Sie hat in Darmstadt mit dem Studium angefangen, wo sie auch ihren Mann kennengelernt hat. Die beiden haben sich dann entschieden, den zweiten Teil des Studiums ebenfalls nach London zu verlegen, sodass wir von der Ausbildung her einen ähnlichen Hintergrund haben. Seit 2016 arbeiten wir sehr gut in einer Partnerschaftsgesellschaft zusammen. Jeder hat seine eigenen Schwerpunkte. Durch Achim Menges kommen neue spannende Projekte ins Büro.

Sie stehen seit fast 50 Jahren im Berufsleben. Inwieweit hat sich der Büroalltag über die Jahre hinweg gewandelt?

Ernst Ulrich Scheffler In unsere Zeit ist die Umstellung von der Reißschiene auf den Computer gefallen. Als wir 1996 den Wettbewerb für die Deutsche Schule in Budapest gewonnen hatten, haben wir Computer und ein leistungsfähiges Programm angeschafft. Ich habe es allerdings nie geschafft, das Zeichnen mit dem Computer zu lernen, weil ich wegen der Lehre nie Zeit zum Üben hatte. Ich zeichne nach wie vor mit der Hand, vorzugsweise mit 2B auf DIN A4.

Brigitte Scheffler Ich habe in den 1990er Jahren einen Computerkurs belegt und zeichne seitdem mit einer CAD-Software. Im Vergleich zu früher haben die juristischen Implikationen unseres Berufs deutlich zugenommen. Jeder will sich soweit wie möglich absichern. Die Verträge werden immer umfangreicher. Die besten Projekte sind bei einem Vertrauensvorschuss des Bauherrn gegenüber den Architekten entstanden.

Sie haben in Aschaffenburg viel gebaut und das Stadtbild mitgeprägt. Welches ist Ihr Lieblingsgebäude in Aschaffenburg?

Ernst Ulrich Scheffler In Aschaffenburg haben wir zwei große Wohnungsbauprojekte realisiert und an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen. Zurzeit ist eine Kindertagesstätte im Bau. Unser Lieblingsprojekt ist jedoch das Stadttheater, das wir zusammen mit dem Theaterplatz und der Stadtloggia planen konnten. Der Wettbewerb war im Jahr 2001. Zur 200-Jahr-Feier 2011 ist das Theater wiedereröffnet worden.

Scheffler Deutsche Schule

Sie erhalten in diesem Jahr gemeinsam den Großen DAI Preis für Baukultur. Der Preis ist eine Auszeichnung für Ihr Lebenswerk. Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Brigitte Scheffler Wenn man so lange gemeinsam gearbeitet hat, dann gibt es nicht nur eines, sondern mehrere Projekte, die uns sehr am Herzen liegen, gebaute ebenso wie ungebaute. Dazu gehört die Londoner Diplomarbeit genauso wie das Liebieghaus, Frankfurts Museum für alte Plastik, das wir als erstes Projekt im Büro bearbeitet haben.

Ernst Ulrich Scheffler Wir hatten das Glück, dass wir in unserem Büro fast nur Projekte hatten, an denen wir gern gearbeitet haben, z.B. die Deutsche Schule in Budapest, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, das Aschaffenburger Theater oder die Aufstockung der Fritz-Kissel-Siedlung mit vorgefertigten Holzmodulen, die gerade vor der Fertigstellung steht.

Wie würden Sie den Begriff Baukultur definieren?

Brigitte Scheffler Wenn man von Baukultur sprechen will, dann müssen mehrere Dinge zusammenkommen: Nutzer und Bauherr müssen glücklich mit dem Gebäude sein, die Materialen müssen passen, und es muss sich gut in den städtebaulichen Kontext einfügen.

Ernst Ulrich Scheffler Ohne einen guten Bauherrn kann nie ein gutes Gebäude entstehen.

Sehr geehrte Frau Scheffler, sehr geehrter Herr Scheffler, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch!

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