Heterogenität im Kleinen

Hotel in Aschaffenburg
(in: BAUKULTUR 5_2021, S. 24-25)

In der Aschaffenburger Innenstadt in direkter Nähe zum Hauptbahnhof wurde Ende 2019 ein neues ibis Styles-Hotel eröffnet. Die Planung stammt von dem Hamburger Architekturbüro MPP. Das Designhotel mit 141 Zimmern und einer Gesamtnutzfläche von 5.000 m² ist auf dem Gelände einer ehemaligen Textilfabrik aus dem Jahre 1927 entstanden.

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Der Hotelbaukörper sorgt durch die Schließung einer Baulücke und die Aufstockung eines Bestandsgebäudes für eine Revitalisierung des Innenhofes. Der Neubau entlang der Hauptstraße dient als Bindeglied zur vorhandenen Baustruktur und schafft vis à vis zum Hauptbahnhof einen neuen Anziehungspunkt in der Aschaffenburger Innenstadt.

Städtebauliche Einbindung
Der viergeschossige Neubau fügt sich harmonisch in das bestehende städtebauliche Ensemble der Elisenstraße ein. Das Satteldach mit seinen hohen schlanken Gauben interpretiert die Bestandsgebäude der Nachbarschaft in moderner Architektursprache. Schräge Leibungseinschnitte für die hohen Fenster und der eingerückte Eingangsbereich verleihen dem neuen Haus seine Plastizität. Um den Schulterschluss zu den angrenzenden Gebäuden zu schaffen, nimmt der Entwurf die Farbigkeit der traditionellen Mainsandsteinelemente der Nachbarbebauung auf und zitiert die alten Putzfassaden neu durch die Wiederaufnahme einer jahrhundertealten Putztechnik, dem Kammputz.

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Fassade mit individueller Handschrift
Hier trifft Moderne auf Tradition, wobei die Verbindung von alten Handwerkstechniken und ortstypischen Elementen etwas Vertrautes schafft. Die traditionelle Anwendung des Edelputzes wird nur von wenigen Handwerksfirmen in Deutschland ausgeführt. So war ein enges Zusammenspiel zwischen Planern, Herstellern und Handwerkern nötig, um das ideale Verhältnis des Putzes zu definieren. Immer wieder wurden neue Muster zur Größe und Beschaffenheit der Kammstruktur und der Farbe angefertigt und beurteilt. Die Ausführung dieser jahrhundertealten Handwerkskunst ist so individuell, dass nur ein einziger Handwerker die gesamte Fassade ausführen durfte. Jeder Kammzug wurde über ein individuell für das Bauvorhaben angefertigtes Werkzeug von Hand über die gesamte Fassade „gezogen“. Erst nach dem Trocknungsprozess konnte ein weiterer Kammzug aufgetragen werden. So durchlief die Fassade einen monatelangen Prozess und ist heute Ausdruck handwerklichen Könnens. Sie besticht durch die Präzision ihrer Ausführung und die individuelle Handschrift des ausführenden Handwerkes.
„Das ibis Styles in Aschaffenburg ist ein gutes Beispiel für eine von Beginn an erfolgreiche Kooperation zwischen Bauherrn, Stadtverwaltung und Planern. Unser Projekt orientiert sich in Höhe und Materialgebung konsequent an der bestehenden Bebauung. Zugleich setzt es durch Einschnitte im Fensterbereich und einen farbigen Kammputz regionale Designakzente. Dank der sehr partnerschaftlichen Zusammenarbeit haben wir ein Hotel geschaffen, das nicht nur eine Lücke im Angebot der Stadt schließt, sondern sich harmonisch in das Aschaffenburger Stadtbild einfügt“, so Jan-Oliver Meding, Geschäftsführender Gesellschafter von MPP.
Die unterfränkische Stadt verzeichnet seit Jahren einen stetig wachsenden Anstieg im Tourismussektor. Die Zahl der Übernachtungen 2018 stieg gegenüber dem Vorjahr um über 9 % auf aktuell rund 189.000. Gegenüber 2013 ist dies ein Zuwachs von 45 %.

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Nachhaltigkeit
Was erst auf den zweiten Blick sichtbar wird, ist die Nachnutzung der in der hinteren Hofbebauung leerstehenden und schwer zu vermietenden Gewerbegebäude. Mit der Aktivierung dieser Geschosse und der zusätzlichen Aufstockung um ein Geschoss wurden über die Hälfte der Zimmer im Bestand errichtet. Auch hier erfolgte keine zusätzliche Versieglung. Ebenso nachhaltig im Flächenmanagement ist die Doppelnutzung des im Hof bestehenden Parkhauses. Tagsüber für den Einzelhandel und die Praxen der Umgebung fungierend, dient es nachmittags und nachts den Hotelgästen. Revitalisierung eines kompletten Gebäudeblockes ohne zusätzliche Versieglung bedeutet sowohl umweltbilanziell als auch sozioökonomisch eine nachhaltige Entwicklung.

Bauherr ist die K&M Elisenstr. GmbH & Co. KG des Aschaffenburger Unternehmers Martin Stammel. Betreiber ist die Stuttgarter Success Hotel Group als Franchisenehmer der ibis Styles-Marke von Accor.

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