Laudatio: In der Reichweite der Erinnerung

Der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine e.V. (DAI) verlieh am 21.9.2019 den DAI Literaturpreis an den Hochschullehrer, Architekturkritiker und Soziologen Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Durth

Im Rahmen des DAI Tages 2019 in Berlin wurde Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Durth mit dem DAI Literaturpreis ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Wolfgang Pehnt, Preisträger des DAI Literaturpreises 1984.

Zur Vergabe des DAI Literaturpreises an Werner Durth

Die Aufforderung, eine Laudatio zu halten, führt einen zwangsläufig zum Nachsinnen, wann einem der Laudandus, also der zu Lobende, erstmals vor Augen und Ohren getreten ist. Die Kunde, dass mit Werner Durth ein vielversprechender junger Kollege die Bühne der Architekturhistoriker und -kritiker erklommen habe, erreichte mich irgendwann um 1980. Gute Freunde machten sich von Frankfurt, wo sie damals lebten, nach Darmstadt auf, um Vorlesungen zu hören, die er an der Technischen Hochschule hielt. Von ihnen waren Wunder zu hören. Mehrstündig seien Durths Exkurse. Sie würden frei, ohne wahrnehmbares Manuskript gehalten und seien so spannend, dass noch kein Zuhörer, geschweige denn Studierender den Tatort vorzeitig verlassen habe.

Ich befand mich in der angenehmen Position, nicht nach Darmstadt reisen zu müssen, sondern den Wundertäter nach Köln einladen zu können, wo ich Redakteur am Deutschlandfunk war. Architekturbelangen konnte ich mich dort relativ frei widmen, obwohl die Kollegen meinten, das Thema Architektur würde bei mir viel zu häufig behandelt. Nach dem Gespräch, das ich mit Werner über den Sender führte, fanden sie kein Wort der Kritik, meinten im Gegenteil, so einen sprachgewandten und formulierungssicheren Gast wie ihn hätte ich lange nicht gehabt.

Thema unseres Interviews war, glaube ich, das Buch Werner Durths, das damals, 1986, gerade erschienen war, Deutsche Architekten, Biographische Verflechtungen. Für die bauende Innung war das ein heikler Gegenstand. Das Buch wies nach, wie sehr biografische Beziehungen, auch politisch brisante Beziehungen die Architekturgeschichte in den ersten beiden Dritteln des 20. Jahrhunderts geprägt hatten. Unumgänglich, aber durchaus nicht üblich war es, dabei Tabuzonen der Architekturgeschichte zu betreten. Denn bis dahin galt mehr oder weniger der Mythos der Stunde Null, demzufolge das Kriegsende die im Dritten Reich begründeten Voraussetzungen gelöscht hatten. Nun aber erwies sich nach den Forschungen Werner Durths und einiger seiner Vorgänger - und vor allem Vorgängerinnen wie Hildegard Brenner, Anna Teut und aus den USA Barbara Miller Lane -, wie sehr die zuvor eingegangenen Bindungen der Planer noch Jahrzehnte lange vorhielten.

Ich hatte mir, auch aus biografisch bedingter Neugier, unter anderem eine Frage an meinen Gesprächspartner zurechtgelegt, die in meine eigene Jugend zurückreichte. Kurz nach Kriegsende, 1946, hatte in meiner Heimatstadt Kassel der dortige Stadtbaurat der Öffentlichkeit eine Ausstellung vorgeführt, die zeigen sollte, wie herrlich die ehemalige Gauhauptstadt sich nach dem Neuaufbau ausnehmen würde. Da gab es – 1946! - monumentale Straßenachsen, die über Berg und Tal hinwegführten, und eine dreistrahlige Planfigur, die in einem stattlichen Bauwerk über dem Talhang gipfelte. Ein findiger Journalist entdeckte, dass auf der gezeigten Modellplatte aus dem Gips ein Hakenkreuz abgeschabt worden war, das man dort in Jahren des NS-Regimes als Signatur angebracht hatte. Der Planer hatte ganz einfach die Gestaltungsvorstellungen der Nazizeit hervorgeholt, doch als Zukunftsbild ausgegeben. Das krönende Parteiforum sollte zu einem Kulturhaus umgewidmet werden. Für die Nachkriegszeit war das Projekt mit dieser Entdeckung erledigt. Aber der Kasseler Stadtbaurat Erich Heinicke konnte seinen Amtspflichten noch bis zu seiner Pensionierung drei Jahre später nachgehen.

In Durths Büchern stellt diese Geschichte, die ich mir als kleinen Test in Sachen Präsenz von Fakten und Namen gedacht hatte, nur eine winzige Episode dar. Aber er hatte sie mit allen Details gegenwärtig und schilderte sie, als habe er sie von vornherein als Illustration unseres Gesprächs vorgesehen gehabt. Durths Forschungen gehen stets auf genaue Recherchen zurück, auf Gespräche mit Zeitgenossen, auf Erzählungen, in denen die Beteiligten zu Wort kommen. Die Biografie, eine der großen Faktenlieferanten der Geschichtsschreibung, wird bei Durth methodisch genutzt. Nicht zufällig hat er sich mit Themen befasst, die noch in der Reichweite verbürgter Erinnerungen lagen; zumeist also mit der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart.

Dabei traten Stoffe, Fakten, Beziehungen, Haltungen hervor, die sonst verborgen blieben. Wenn Durth sie ans Tageslicht förderte, tat er es mit Rücksicht auf die meist noch lebenden Personen und ihre damalige Lage, ohne zu Verharmlosungen zu greifen. Den Scharfrichter hat er nicht gespielt, anders als andere Autoren, die nichts als Scharen von „Mitläufern, Handlangern oder Mittäter“ sehen und in Bemühungen, Zusammenhänge ohne Weißwäscherei und ohne Anschwärzungen darzustellen, nur „schamlose Geschichtsverfälschungen“ erkennen wollen.

Durths Bücher über die deutschen Verflechtungen in NS-Epoche und Nachkriegszeit waren nicht seine ersten. Noch näher an der Jetztzeit, ja mitten in ihr bewegte er sich mit seiner Dissertation von 1975, die sich angereichert und zugespitzt zu einer Theorie der Stadtgestaltung auswuchs: Die Inszenierung der Alltagswelt. Was die Verhaltensforscher, die Anthropologen, Semiotiker, Informationstheoretiker damals beschäftigte und natürlich auch die Soziologen, Urbanisten, Architekten und alle, die von Architektur Gebrauch machten und machen mussten, findet sich auf kleingedruckten 228 Seiten. Ulrich Conrads, damals der Chefredakteur der Bauwelt, nahm den Text in die Taschenbuchreihe der Bauwelt Fundamente auf. Das kam einem Ritterschlag gleich.

Bei der heutigen Lektüre staunt man, was alles damals bereits aktuell war: Manipulation durch die Reproduktionszwänge des Kapitals; Höhe der Wohnungsmieten, die durch schöne Fassaden „überschminkt“ wurden (Durths Ausdruck); Partizipationsmodelle und Selbsthilfe durch Wohngemeinschaften, die den Architekten vom bauenden Planer zum sogenannten Anwaltsplaner werden ließen; Steuerung der Kaufkraftströme im Konkurrenzkampf der Städte. Wenn man bei ihm über entsprechende Manipulationen am Frankfurter Römerberg liest, ist nicht die heutige Neualtstadt entlang der Krönungsgasse gemeint, sondern jene Fachwerkzeile gegenüber dem Rathaus, mit der Frankfurts OB Rudi Arndt, zuvor bekannt als „Dynamit-Rudi“, dreißig Jahre früher das neu historisierende Zeitalter einläutete. Ich vermute, dass ihn dieses Thema, der deutsche Städtebau der Nachkriegszeit, auch weiterhin beschäftigen wird.

Werner Durths Veröffentlichungen haben eine Qualität, die zugleich eine Quantität ist. Wer sich auf seine sehr oft umfangreichen Arbeiten einlässt – und das muss jeder, der sich in unserem Fach bewegt – tut gut daran, sich eine haltbare Leseunterlage zu beschaffen, am besten ein Lesepult, wie man es in mittelalterlichen Klöstern und noch in Goethes Weimarer Haus am Frauenplan antrifft. Das hängt auch damit zusammen, dass Durths Publikationen sehr oft das Produkt einer Zusammenarbeit sind. Auf den Titelblättern seiner Bücher gibt sich die halbe Branche der Architekturforscher ein Stelldichein. Werner Durth ist der geborene Netzwerker. Er kennt nicht nur alle Leute aus der Branche, das handelnde wie das schreibende Personal; er arbeitet auch gern mit ihnen zusammen. Das führt verständlicherweise in der Regel nicht zu schmalen, schlanken Essays, sondern zu gewaltigen Kompendien wie den beiden unglaublich detaillierten Bänden über Architektur und Städtebau der DDR oder dem nicht minder umfänglichen Volumen Baukultur .

Vor ein paar Monaten habe ich selber Erfahrungen mit dem Zusammenarbeiter Werner Durth machen dürfen. Wir hatten jeder eine – zugegeben: kleine – Einleitung zu ein- und demselben Buch zu schreiben. Ich war froh, als ich meinen Text hinter mich gebracht hatte, und wollte nichts mehr davon wissen. Er bestand darauf, meinen Text zu lesen, und vor allem darauf, dass ich den seinen durchzuarbeiten hätte; aber gründlich, bitte. Ich hatte Mühe, ein paar Einwände wenigstens zu erfinden. Denn was soll man an diesen durchgefeilten Erzeugnissen schon auszusetzen haben?

Die kritische Einsicht, die Materialrecherchen, das biografische Interesse, die Beherrschung der Oral History, das Netzwerken in kollegialer Zusammenarbeit, die Begabung der Kommunikation, die ihn zu einem gefragten Lehrer in Mainz, Stuttgart und wieder Darmstadt gemacht haben – es gibt viele Gründe, warum Werner Durth die Bücher schreibt, die er schreibt, und die Vorträge hält, die er hält.

Eines muss ich erwähnen: Er ist ausgebildeter Architekt. Er versteht sich auf die Sache, über die er sich auslässt. Ein so komplizierter Bau wie der Neubau der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz hat nicht nur Günter Behnisch und sein Team zum Urheber, sondern, wie es in der Verfasserangabe heißt, Behnisch mit Werner Durth. Dieser gläserne Palast ist an dem Ort, an dem er steht und mit der Geschichte, die er erlebt hat, ein bedeutendes und politisch aussagekräftiges Gebäude. Seine Baugeschichte einschließlich dem Wechsel der Bauherrschaft und dem Wechsel sprich: der nachträglichen Beschneidung des Bauprogramms haben es den Architekten nicht leichtgemacht. Wer daraus mit Erfolg hervorgeht, hat sein Handwerk gelernt. Heute ist eine Führung Durths durch das Haus, das auch das seine ist, zugleich eine Führung durch eine bewegte Geschichte der Institution Akademie und durch ein Stück deutscher Geschichte.

Der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine zeichnet ein in jeder Hinsicht gewichtiges Lebenswerk aus, das seine Nutzer klüger und informierter macht. Möge es weiterhin zunehmen. Aber ein Lesepult sollte ich mir vielleicht wirklich noch einmal anschaffen. Unser Autor wird ja hoffentlich auch in Zukunft dicke Bücher schreiben wollen.

Glückwünsche an Werner Durth und an uns alle, die wir von seiner Arbeit profitieren!

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